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Österreich als Nachhaltigkeits-Weltmeister?

Spektrum

Weiter so ist langweilig, selbstzerstörerisch und wirtschaftlich unsinnig. Ein in Wien lebender Deutscher fordert ein radikales Umdenken im Tourismus. Und er ist nicht allein. Doch können seine Ideen bei uns genügend Unterstützer finden? Eine persönliche Betrachtung von Thomas Askan Vierich.

Philip Blom ist Historiker, Philosoph und Bestsellerautor („Das große Welttheater“) und lebt seit 13 Jahren in Wien. Er ist von jeher ein Verfechter eines respektvolleren Umgangs mit der Natur, auch im Tourismus. Er sieht die Coronakrise als Ausdruck der Krisenhaftigkeit unserer Lebens- und Wirtschaftsweise des „Immer mehr“. Und nach Corona folge die noch viel bedrohlichere Klimakrise. Dagegen verblasse die Coronakrise zu einem marginalen Ereignis. Aus dem wir aber lernen könnten. Auch wenn sich viele noch dagegen sträuben.

Philip Blom: „Nachhaltigen Tourismus in Österreich als USP ausbauen.“

„Ich spreche immer und immer wieder darüber, wie unmöglich es ist, auf die bisherige Weise einfach stur weiter zu wirtschaften“, sagte er Kollegin Uta Gruenberger in der neuesten Broschüre „Grüner wird’s nicht“ der Prodinger Tourismusberatung. „Mehrfach habe ich es jedoch wortwörtlich erlebt, dass mir Ökonomen, Bankiers, Industrielle und selbst Akademiker sagen: „Na ja, was kann man schon anders machen? Wir können das System nicht ändern, wir können in den Markt nicht eingreifen – der muss frei agieren können!“

Aber in der Coronakrise ist genau das passiert – einfach weil wir mussten. „Und wir haben auch entdeckt, dass wir Dinge sehr wohl anders machen können, wenn wir wollen.“ Oder müssen. Da hat er absolut recht: Bei der Klimakrise stehen wir vor der Frage, ob wir das Thema aktiv angehen und die Chancen dieser Herausforderung wahrnehmen. Oder in absehbarer Zeit in die Defensive geraten, handeln müssen, um dann nur noch das Schlimmste zu vermeiden.

Und das bezieht Blom auch und vor allem auf den Tourismus: „Österreich wäre das erste, absolut grüne Tourismus-Land der Welt!“ Yeah, möchte man rufen, das machen wir! Wenn nicht jetzt, wenn nicht wir, wer dann?

ABER WAS HEISST DAS?

Blom: „Es gibt rund um den Globus genügend Touristen, die wohlhabend und ökologisch interessiert beziehungsweise so besorgt sind, dass sie mit gutem Gewissen auf Urlaub gehen wollen. Auf genau diese Touristen setzen wir!“ Oh, da höre ich schon die hiesigen Touristiker, Hoteliers, Seilbahner und Gastronomen warnend den Finger heben: Von dieser Elite können wir nicht leben!

Wir brauchen auch die ganz normalen Bustouristen und Durchschnittsfamilien, die unsere Skigebiete im Winter bevölkern und unsere nicht immer top-ausgestatteten Privatunterkünfte im Sommer! Brauchen wir die wirklich? Wollten wir nicht statt auf Quantität auf Qualität setzen? Oder sind das nur fromme Lippenbekenntnisse?

Geht es am Ende des Tages doch darum, es allen Recht machen zu wollen? Sowohl den Beherbergungsbetrieben als auch den Gastronomen (Stichwort: Lebensmittelkennzeichnung)? Und auch den Touristen, jeder und jedem, die kommen wollen. Wir werden es aber nicht allen rechtmachen können. Wir sollten uns entscheiden und dann auch die Konsequenzen tragen.

„Was wäre, wenn genau die (nachhaltige) Haltung zum Alleinstellungsmerkmal (USP) von Österreichs Tourismus würde?“, fragt Blum. „Wenn hier auf wirklich hohem Niveau, mit toller Gastronomie und allem, was dazugehört, ein absolut ökologischer Urlaub gemacht werden kann?“ Österreich wäre dafür wie wenige Länder weltweit prädestiniert. Und könnte zum Vorreiter und Vorbild für andere werden.

DA WERDEN ABER NICHT ALLE MITKÖNNEN UND MITWOLLEN

Was passiert mit denen? Die werden aus dem Markt ausscheiden müssen… Wer sagt es ihnen? Die Politik? Hüstel… Die Tourismuswerbung? Die kann nur Empfehlungen aussprechen und versuchen gewisse Schwerpunkte in ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu setzen. Ein bisschen klingt das auch nach Öko-Diktatur, muss ich zugeben. Aber das wird eh nur freiwillig gehen. Und auch nicht über Nacht. Aber eine voraussschauende Politik könnte die richtigen Leitplanken einziehen: Förderungen für alle, die da mittun wollen. Hilfen beim Ausstieg für die, die nicht wollen oder können.

Einfach weiter so wird’s nicht spielen. Und ein bisschen Öko bringt wenig. Sich hinstellen und sagen, es sei ja eh alles so leiwand mit dem Tourismus in Österreich und wir seien doch eh Tourismus-Weltmeister, reicht schon lange nicht mehr. Da muss mehr kommen. Da wird mehr kommen MÜSSEN. Wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren. Dann hätten wir aber keinen USP in Nachhaltigkeit mehr. Dann zuckeln wir nur (wieder) hinterher.

Nachhaltiger, radikal nachhaltiger Tourismus geht schon jetzt: Wir könnten unseren Touristen andere Erzählungen anbieten als künstlich beschneite Pisten, zugebaute Seen und ein paar herausgeputzte Highlights. Wir könnten ihnen traditionelles und innovatives Handwerk näherbringen, dass bei uns wieder floriert, weil wir es wieder brauchen für unseren nachhaltigen Tourismus. Wir könnten ihnen landwirtschaftliche Betriebe zeigen, die wieder (oder immer noch) im Einklang und nicht gegen die Natur wirtschaften, weil wir es ihnen ermöglichen und weil wir ihre Produkte haben wollen.

Wir könnten ihnen eine halbwegs heile Natur zeigen, weil wir sie erhalten haben (das tun wir ja schon seit Jahrzehnten ganz anständig) und weil wir wissen, wie man respektvoll mit ihr umgeht. Das gehört zu unserer DNA. Wir könnten sie einladen in unseren trinkwassersauberen Seen und Flüssen zu baden, in unseren Wirtshäusern einzukehren, die es erstens anders als vielerorts bei uns noch gibt und die zweitens auf eine regionale, glaubwürdige, gesunde Küche umgestellt haben. Deshalb gibt es sie ja noch. Wir könnten sie durch unsere Weinberge führen, wo immer weniger gespritzt wird. Wir könnten ihnen zeigen, wie wir die weitere Zubetonierung unserer Landschaften kreativ vermeiden und zurückbauen (da haben wir Beton-Europameister allerdings noch einiges zu tun).

Wir könnten sie erleben lassen, wie Mobilität ohne eigenes Auto funktioniert. Wir könnten ihnen unsere Gastlichkeit erleben lassen, die wir noch haben, weil wir auch respektvoll mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen, weil wir sie fortbilden und anständig bezahlen und in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Weil sie gerne für uns arbeiten. Weil wir auch Serviceweltmeister sind. Das ist auch nachhaltig.

„Dietrich Kostbarkeiten“ in Vorarlberg ist ein Beispiel für einen Produzenten, den man im nachhaltigen Tourismus vermarkten kann: Er baut alte Gemüsesorten an (Riebelmais) und stellt daraus Produkte her, die man kaufen kann. Gelebte Biodiversität.

WEIL WIR AUTHENTISCH UND TRANSPARENT SIND

Weil wir den Leuten nichts vormachen. Weil wir sie nicht verarschen. Das haben wir früher vielleicht mal gemacht, Asche auf unser Haupt, soll nicht wieder vorkommen. Weil wir im Gegenteil jetzt zeigen, dass es auch anders geht. Weil sie von uns etwas mitnehmen können für ihr Leben, ein paar Ideen, Anregungen. Oder einfach nur eine gute Zeit ohne Kompromisse, ohne schlechtes Gewissen.

INTERESSIERT DAS TOURISTEN?

Ja, ja, ja! Sind Touristen dafür bereit auch einen höheren Preis zu zahlen? Jein. Sicher nicht alle. Aber die Zahl derer, die darauf Wert legt, wächst und wird weiter wachsen. Aber die Konkurrenz ist groß. Sie MÜSSEN ja nicht zu uns nach Östererich auf Urlaub fahren. Es gibt auch andere schöne Tourismusländer. Aber wenige, die so authentischen, nachhaltigen, naturnahen, fairen Urlaub anbieten wie wir. Der kostet, das ist klar. Wenn wir ihnen das transparent erklären, verstehen sie das. Und wir verdienen gutes Geld. Mehr als früher. Unsere Betriebsergebnisse werden steigen. Das wird uns weitere Investitionen in nachhaltige Strukturen ermöglichen.

Alle anderen können weiter nach Benidorm, Thailand, Djerba oder Kreta fahren. Weiter Billigfraß in folkloristischer Umgebung futtern. Sich in lange Wartschlangen vor den immer gleichen Attraktionen einreihen. Den Pseudoluxus von All-You-Can-Eat in abgeschotteten Urlaubsresorts genießen. Und ihre Augen vor den Folgen ihres Tuns verschließen. Wir haben was anderes im Angebot. Man wird uns dafür lieben. Und kostenlos Werbung machen. Am Ende haben wir alle was davon. Nicht zuletzt auch unsere murrende Bevölkerung in den Tourismushotspots, denen der Tourismus, wie sie ihn kennen, immer mehr auf die Nerven geht.

Das geht. Wetten? … Euer Thomas Askan Vierich!

Bilder: Philip Blom/Heike Bogenberger, Dietrich Kostbarkeiten/Netzwerk Kulinarik/Melanie Rutschek, Lagunenrundweg Fussach/Vorarlberg Tourismus/Agnes Ammann
Beitrag: Thomas Askan Vierich
2. September 2021
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